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Liebe Eltern, liebe Leserin, lieber Leser,
wenn Kinder malen, dann setzen sie auch unauslöschliche Zeichen.
Wir möchten mit diesem und einem noch folgenden Artikel mit Ihnen auf eine Reise gehen, die vielleicht dazu führt, dass sich ein neues Verstehen und damit ein neuer Umgang mit den kindlichen Zeichnungen und Bildern entwickelt.
Beginnen wir also am Anfang der kindlichen Entwicklung, in der die Bewegung das wichtigste Ausdrucksmittel ist.
Der Mensch ist nicht von Geburt an mit sämtlichen Bewegungsmöglichkeiten ausgestattet. Eine Vielzahl davon muß er sich erwerben. Die Bewegungsfähigkeiten unterliegen Reifungs- und Entwicklungsverläufen. Zu den elementaren Bewegungsformen zählt man das Strecken und Beugen, Ziehen und Stoßen, Rollen und Drehen, das Sitzen, Stehen, Gehen und Springen. Am Beispiel des Greifen und Loslassen möchten wir Ihnen die Bedeutung einer Bewegung in Bezug auf die Fähigkeit des Malens verdeutlichen:
Greifen und Loslassen bedingen und ermöglichen sich gegenseitig; sie sind als Einheit zu betrachten.
Das Greifen erfolgt zunächst reflexhaft. Erst die Rückbildung des Greifreflexes ermöglicht es dem Kind, das Greifen und Loslassen seinem Willen zu unterstellen. Das Greifen wird im Laufe der Zeit immer spezialisierter: packen, zupfen, pflücken, auflesen, einsammeln, halten, umfassen usf.. Diese Möglichkeiten der Bewegung sind notwendig um u.a. einen Malstift oder Pinsel zu halten.
Erste Mitteilungen eines Säuglings finden durch Bewegung statt. Durch Bewegung bekommt das Kind die Möglichkeit seinem Denken und Fühlen Ausdruck zu verleihen. Alles Be – Greifen und Er – Fahren ist bewegungsabhängig und findet zunächst „nicht sprachlich“ statt.
Bewegung beim Kind ist immer mit Gefühlen verbunden und beabsichtigt etwas. So gesehen ist die Bewegung eine Folge eines Eindrucks, der beantwortet werden soll. Der Säugling teilt uns durch Bewegung mit, wie es ihm geht, wie er sich fühlt.
Das Fühlen und Denken eines Kindes immer ein Teil seiner Bewegung und auch im Malprozeß enthalten.
Die Entwicklung des kindlichen Malens ist vielfach erforscht worden. Deshalb nun eine kurze Gliederung:
Das Kritzelstadium
Wenn kleine Kinder im Alter von ca. ein bis eineinhalb Jahren ein Blatt Papier haben und einen Stift, beginnen sie in der Regel zu malen und oft genug wird dem Malergebnis nicht die Aufmerksamkeit gegeben, die es verdient, denn es ist ja eine „ Kritzelei “ oder ein „ Krickel – Krackel “.
Beide Worte haben eine negative Bedeutung in der Alltagssprache, obwohl diese Entwicklungsstufe große Bedeutung hat, denn das Kind entwickelt Freude an der graphischen Motorik.
Von daher ist diese Entwicklungsphase nicht zu unterschätzen den „ Kritzeln heißt endloses Kreisen einer Linie, spiraliges Drehen, ohne den Stift abzusetzen. Kritzeln heißt mit dem Stift hin- und herschwingen, horizontal, vertikal, endlos ineinander, übereinander, auch in Kreuzform; Kritzeln ist auch Schlängeln, Schlingern, Zick-Zack-Laufen der Linie, Kritzeln ist auch Pünkteln oder Stricheln, kurze rhythmische, pointierte Bewegungen mit dem Stift“ ( Bachmann ).
Das was Sie in den „Kritzelbildern“ sehen hat etwas mit dem Körperempfinden eines Säuglings zu tun, der seine Grenzen noch nicht kennt und keine Raumorientierung hat.
Wenn dann die Sprachentwicklung einsetzt beginnt das sinnunterlegte Kritzeln, d.h. Kinder sagen uns bei Nachfrage was sie gemalt haben.
Die Bedeutung des Gemalten wechselt auch manchmal noch, und was einmal eine „ Ente „ war, kann nach kurzer Zeit ein „ Elefant „ werden.
Das hängt von der Gedankenwelt des Kindes ab, in der es sich gerade befindet.
Die Deutungsphase
Nach der Kritzelphase gelingt dem Kind mit ca. drei Jahren die Herstellung von Bildern in denen das Kind Gegenstände versucht darzustellen, mit denen es Erfahrungen gemacht hat. In dieser Phase ist das Interesse des Erwachsenen ganz besonders gefragt. Um die wachsende kindliche Wahrnehmung und die Entwicklung der motorischen Fähigkeit zu fördern, braucht das Kind das Interesse des Erwachsenen, der zuhört und sich die Bilder erklären läßt.
Vom „ Kopffüßer „ zum ganzen „ Menschen „
Zusammengesetzt aus den lange geübten Grund - und Kritzelformen entstehen etwa in der Mitte bis zum Ende des dritten Lebensjahres „ Kopffüßer „, deren Kennzeichen die Beine sind, welche am Kopf anschließen.
Ein Erklärungspunkt hierfür lautet: Je größer das Bewußtsein vom eigenen Körper ist, um so vollständiger werden die Darstellungen. So versucht ein Kind im Alter von dreieinhalb bis vier Jahren den ganzen Menschen mit Kopf, Armen, Händen, Beinen und Füßen darzustellen. Je nach der Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes werden die Bilder ausgeschmückt.
Dabei malt das Kind aber zunächst die Dinge nicht wie sie sind, sondern so, wie es in das eigene Erleben paßt. Das führt dazu, daß auch Stimmungswechsel sich in den Bildern widerspiegeln. Eine eben noch friedliche Figur kann zum Raubtier werden, ein Sonnenhimmel verdunkelt sich durch Regentropfen.
Ab dem Ende des vierten Lebensjahres malt das Kind das, was es von seiner Welt weiß und was es dort erfahren hat. Das Kind übersetzt die Wirklichkeit in eine eigene Sprache, es kopiert nicht was es sieht.
Im nächsten Artikel werden wir Sie über wichtige Verhaltensweisen und Bedingungen bzw. stützende Merkmale informieren, die dem Kind helfen seinen Erlebnis - und Ausdruckswünschen nachzukommen.
